index Der Mensch-Körper und Seele
7.2 Die Seele in der Poesie
Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832) und die Seele
Bei Johann Wolfgang von Goethe ist die Seele ein zentrales Motiv, das
meist für die innere Zerrissenheit des Menschen, den Konflikt zwischen
Sinnlichkeit und Geist oder eine tiefe religiöse Empfin-dung steht.
Konzepte und Zitate zur Seele bei Goethe sind:
1. Das berühmte Faust-Zitat (Innere Zerrissenheit)
Zitat:
„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ (aus Faust I, Vers
1112). Bedeutung: Es beschreibt den ewigen Konflikt des Menschen zwischen
zwei Trieben:
2. Die „schöne Seele“ (Harmonie von Pflicht und Neigung)
Werk:
„Bekenntnisse einer schönen Seele“ (das 6. Buch des Romans
Wilhelm Meisters Lehrjahre,
1795/96).
Bedeutung:
Eine „schöne Seele“ ist ein Mensch, bei dem sich moralisches Gefühl, Vernunft
und Neigung in einem reinen, fast natürlichen Einklang befinden. Sie zeichnet
sich durch eine fromme, liebevolle und von innerer Heiligkeit geprägte Haltung
aus.
3. Natur, Heiterkeit und Empfindung
Lyrik / Briefe:
In vielen Werken und Briefen (wie etwa in An den Mond oder frühen Briefen
an Charlotte von Stein) ist die Seele der Ort, der von der Natur beruhigt,
geheilt oder erfüllt wird:
„Füllest
wieder Busch und Tal / Still mit Nebelglanz, / Löses endlich auch einmal / Meine
Seele ganz.“
(An den Mond)
Die
Seele ist bei ihm spürbar, durchatmend und direkt mit der Naturverbundenheit
verknüpft.
Zwei
Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
die eine will sich von der andern trennen:
Die eine hält in derber Liebeslust
sich an die Welt mit klammernden Organen;
die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
zu den Gefilden hoher Ahnen.
Faust
1, Vers 1112 - 1117; Vor dem Tor. (Faust)
Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Bekenntnisse_einer_schönen_Seele
https://www.gutzitiert.de/zitat_autor_johann_wolfgang_von_goethe_thema_seele_zitat_18635.html
Heinrich Heine (1797-1856)
Das
Motiv der „Seele“ nimmt bei Heinrich Heine eine zentrale, aber janus-köpfige
Rolle ein, da er sich an der Schwelle zwischen der traditionellen Romantik und
dem gesellschaftskritischen Vor-märz bewegt. Seine Auseinandersetzung mit der
Seele lässt sich vor allem in drei Dimensionen unter-teilen:
1.
Die romantische Seele und das Meer
In
seinen Reisebildern (speziell im Zyklus Die Nordsee) beschreibt
Heine eine tiefe, fast pantheistische Verbundenheit mit der Natur. Hier
vergleicht er sein inneres Wesen direkt mit den Naturgewalten:
„Ich
liebe das Meer, wie meine Seele. Oft wird mir sogar zumute, als sei das Meer
eigentlich meine Seele selbst [...]“
Die
Seele wird hier als ein unendlicher, unvorhersehbarer Raum begriffen, aus dessen
Tiefe flüchtige, wunderbare Gedanken und Bilder wie Wasser-pflanzen an die
Oberfläche steigen und wieder verblühen.
2.
Das Seelenmotiv in der Liebeslyrik
In
seinem berühmten Buch der Lieder (aus dem Lyrischen Intermezzo)
nutzt er das Wort im Kontext intensiver, oft schmerzhafter Liebeserfahrung. Das
bekannteste Beispiel ist das Gedicht „Ich will meine Seele tauchen“
(1822/1823):
„Ich
will meine Seele tauchen
In den Kelch der Lilie hinein;
Die Lilie soll klingend hauchen
Ein Lied von der Liebsten mein.“
Heine
verwendet das Seelenmotiv hier zunächst im klassisch-romantischen Sinne: Die
Seele verschmilzt mit der Natur (der Lilie), um ein Lied der Liebe zu singen.
Gleichzeitig schwingt bei Heine jedoch fast immer eine leise Iro-nie oder die
Vorahnung des bitteren Erwachens mit – die Sehnsucht der Seele bleibt oft
unerfüllt.
3.
Skeptische und existenzielle Fragen
Heine, der als scharfer Kritiker dogmatischer Religionen galt, betrachtet die
Seele in seinen späten Werken zunehmend existenzialistisch und skeptisch. Er
hinterfragt die christliche Vorstellung der Unsterblichkeit, behält aber ein
metaphysisches Staunen bei, wie in diesen bekannten Versen deutlich wird:
„Nur
wissen möcht ich: wenn wir sterben,
Wohin dann unsre Seele geht?
Wo ist das Feuer, das erloschen?
Wo ist der Wind, der schon verweht?“ [1]
Zusammenfassend
ist die Seele bei Heine kein starres religiöses Konstrukt, sondern ein Spiegel
für die Zerrissenheit des modernen Menschen – schwankend zwischen tiefer
Sehnsucht, ironischer Distanz und existenzieller Ungewissheit. [1]
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Bei Rainer Maria Rilke ist die Seele kein bloßer kirchlich-dogmati-scher oder
rein psychologischer Begriff. Sie steht für die Weite des Seins, das
Verbundensein mit dem Kosmos und die Spannung zwischen menschlicher Kleinheit
und ewiger Größe. Die Kern-aspekte der Seele bei Rilke lassen sich wie folgt
zusammenfassen:
·
Kritik an der kleinen, ängstlichen Seele: In Gedichten wie „Nennt ihr das
Seele“ (1897) unterscheidet Rilke zwischen einer verküm-merten, nach
Anerkennung heischenden Alltagseele („was so zage zirpt in euch“) und einer
echten, kosmischen Seele.
·
Das Stück Ewigkeit: Die wahre Seele ist bei Rilke ein „Stück Ewigkeit in meiner
Brust“, das sich nicht mit Banalitäten und Eitelkeiten begnügt, sondern sich
nach oben und mit den Welten kreisen strebt.
·
Weite und Öffnung: In Gedichten wie „Vor lauter Lauschen und Staunen sei
still“ fordert er die Seele auf, weit zu sein und sich wie ein Federkleid
über die dingliche Welt auszubreiten („Und dann meine Seele sei weit, sei weit,
dass dir das Leben gelinge“)
·
Spannung in der Liebe:
Im Gedicht
„Liebes-Lied“
(„Wie
soll ich meine Seele halten“)
beschreibt er die Seele als etwas Zartes, das mitschwingt, wenn zwei Menschen
sich berühren, ohne sich im anderen zu verlieren.
·
Zwischenraum und Wandel:
Die Seele existiert bei Rilke oft im „Zwischenraum“ – jenseits des reinen
Tierischen und des rein Engeltum-Geistigen, wo der Mensch sich bewähren muss.
Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt In euch? Was, wie der Klang der
Narrenschellen, Um Beifall bettelt und um Würde wirbt Und endlich arm ein armes
Sterben stirbt Im Weihrauchabend gotischer Kapellen, – Nennt ihr das Seele?
Schau' ich die blaue
Nacht, vom Mai verschneit, In der die Welten weite Wege reisen, Mir ist: Ich
trage ein Stück Ewigkeit In meiner Brust. Das rüttelt und das schreit Und will
hinauf und will mit ihnen kreisen ... Und das ist Seele.
https://www.aphorismen.de/gedicht/167346
https://mein-lernen.at/die-schoensten-gedichte/10-schoensten-seelengedichte-von-rainer-maria-rilke/
Seelengedichte:
1. Mein Leben ist wie leise See
2. Du musst das Leben nicht verstehen
3. Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen
4. Träume, die in deinen Tiefen wallen
5. Weiße Seelen mit den Silberschwingen
6. Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum
7. Weißt du, ich will mich schleichen
8. Ich gehe jetzt immer den gleichen Pfad
9. Die Sonnenuhr
10. Ich bin auf der Welt zu allein
Herrmann Hesse
(1877-1962)
Bei Hermann Hesse ist die
Seele ein zentraler Begriff für das Eigentliche, das Lebendige und
Unverwechselbare im Menschen.
·
Kernaspekte der Seele bei
Hesse:
Einzigartigkeit:
Jeder Mensch besitzt eine eigene, unverwech-selbare Seele, die sich nicht mit
der eines anderen vermischen lässt („Ein jeder Mensch hat seine Seele...“).
Liebe und Zukunft:
Hesse beschreibt die Seele als Kraft der Zukunft und der Liebe; alles andere ist
oft nur äußerer Stoff oder ein Hindernis, um daran zu wachsen.
Stille Betrachtung:
Die Seele erwacht und „ist“, wenn das rastlose Wollen und Denken zur Ruhe kommen
– durch reines Schauen, Betrachten und Hingabe.
Kindheit und Ursprung:
Die Seele des spielenden Kindes oder die eigene Kindheit bleiben tief im
Menschen verankert und werben aus der Tiefe der Seele um Rückbesinnung.
Schutzpanzer und Entfremdung:
Hesse beklagt oft, dass die Menschen ihre Seele hinter dicken Zäunen aus
Ängsten, Zwängen, Scham und Konventionen verstecken.
Heilung und Krisenbewältigung:
Für Hesse selbst war das Schreiben ein therapeutischer Weg, schwere seelische
Krisen, Depressionen und Zerrissenheit zu verarbeiten.
·
Bekannte Zitate von Hesse über die Seele
·
„Seele ist Liebe, Seele ist Zukunft, und alles andere ist nur Ding, nur Stoff,
nur Hindernis...“
·
„Ein jeder Mensch hat seine Seele, die kann er mit keiner anderen vermischen.“
·
„Es gibt nichts Wunderbareres und Unbegreiflicheres und nichts, was uns fremder
wird und gründlicher verloren geht als die Seele des spielenden Kindes.“
·
„Nichts auf der Welt ist dem Menschen mehr zuwider, als den Weg zu gehen, der
ihn zu sich selber führt!“
Heinrich Heine (1797-1856)
Das
Motiv der „Seele“ nimmt bei Heinrich Heine eine zentrale, aber janus-köpfige
Rolle ein, da er sich an der Schwelle zwischen der traditionellen Romantik und
dem gesellschaftskritischen Vormärz bewegt. Seine Ausein-andersetzung mit der
Seele lässt sich vor allem in drei Dimensionen unterteilen:
1.
Die romantische Seele und das Meer
In
seinen Reisebildern (speziell im Zyklus Die Nordsee) beschreibt
Heine eine tiefe, fast pantheistische Verbundenheit mit der Natur. Hier
vergleicht er sein inneres Wesen direkt mit den Naturgewal-ten:
„Ich
liebe das Meer, wie meine Seele. Oft wird mir sogar zumute, als sei das Meer
eigentlich meine Seele selbst [...]“
Die
Seele wird hier als ein unendlicher, unvorhersehbarer Raum begriffen, aus dessen
Tiefe flüchtige, wunderbare Gedanken und Bilder wie Wasser-pflanzen an die
Oberfläche steigen und wieder verblühen.
2.
Das Seelenmotiv in der Liebeslyrik
In
seinem berühmten Buch der Lieder (aus dem Lyrischen Inter-mezzo)
nutzt er das Wort im Kontext intensiver, oft schmerzhafter Liebeserfahrung. Das
bekannteste Beispiel ist das Gedicht „Ich will meine Seele tauchen“
(1822/1823):
„Ich
will meine Seele tauchen
In den Kelch der Lilie hinein;
Die Lilie soll klingend hauchen
Ein Lied von der Liebsten mein.“
Heine
verwendet das Seelenmotiv hier zunächst im klassisch-romantischen Sinne: Die
Seele verschmilzt mit der Natur (der Lilie), um ein Lied der Liebe zu singen.
Gleichzeitig schwingt bei Heine jedoch fast immer eine leise Ironie oder die
Vorahnung des bitteren Erwachens mit – die Sehnsucht der Seele bleibt oft
unerfüllt.
3.
Skeptische und existenzielle Fragen
Heine, der als scharfer Kritiker dogmatischer Religionen galt, be-trachtet die
Seele in seinen späten Werken zunehmend existenz-ialistisch und skeptisch. Er
hinterfragt die christliche Vorstellung der Unsterblichkeit, behält aber ein
metaphysisches Staunen bei, wie in diesen bekannten Versen deutlich wird:
„Nur
wissen möcht ich: wenn wir sterben,
Wohin dann unsre Seele geht?
Wo ist das Feuer, das erloschen?
Wo ist der Wind, der schon verweht?“
Zusammenfassend
ist die Seele bei Heine kein starres religiöses Konstrukt, sondern ein Spiegel
für die Zerrissenheit des modernen Menschen – schwankend zwischen tiefer
Sehnsucht, ironischer Distanz und existenzieller Ungewissheit.
Quellen
Heinrich Heine
(1797 - 1856), Christian Johann Heinrich Heine (Harry Heine), deutscher
Dichter und Romancier, ein Hauptvertreter des Jungen Deutschland, Begründer
des modernen Feuilletons. Quelle: Heine, H., Gedichte. Neue Gedichte.
Verschiedene. Clarisse. Buch der Lieder